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Extras

Künstler

2015.09.08

Mathias Grosch

Der Mann für die Schlüsselpositionen

Das musikalische Multitalent Mathias Grosch
steckt hinter vielen Erfolgsgeschichten

Wenn sich DER SPIEGEL in diesen Tagen tatsächlich zu einer Besprechung herablässt und dem definitiv nicht zu leugnenden Fernsehcoup „Sing meinen Song – Das Tauschkonzert“ immerhin attestiert, „Hochamt der Gemütlichkeit“ geworden zu sein, sind diesem zweifelsohne unzureichenden Lob einige Erkenntnisse zu entnehmen. Das einst wichtigste Printmedium Deutschlands berauscht sich an den eigenen handwerklichen Höhenflügen, könnte eine solche sein. Schaut mal, Fernsehgebührenfinanzierteprogrammmacher, so könnte es funktionieren, wäre eine zweite Konklusion, vielleicht wäre die aber auch einen Zacken zu simpel. Wichtiger scheint tatsächlich die Frage, wie das von Hamburger Gnaden rezensierte Fernsehformat „Sing meinen Song – Das Tauschkonzert“ zu einer der bemerkenswertesten Erfolgsgeschichten des vergangenen Jahrzehnts werden konnte. Noch dazu auf VOX, einem Sender, dessen Image derart weit weg ist von strahlendem Weiß, das selbst die gute alte Klementine ihre liebe Mühe hätte. Lebt Klementine eigentlich noch? Hm. Wie konnte das also passieren mit der „Echo“-Auszeichnung, den vielen wirklich guten Besprechungen und der beinahe beängstigenden Feuilleton-Präsenz und überhaupt den treuen Zuschauern, die Lanz und Jauch gerne hätten? Der späte Vorabendgottschalk sicherlich auch. Wie also ging das?
Musiker, Produzent, Echogewinner und ein Guter Typ, in jeder Beziehung
Dieses Erfolgsding auf dem normalerweise etwas schrägen Sender basiert auf lauen Sommerabenden in geschickt überhöhter, irgendwie surrealer Umgebung. Präsentiert von einem Begnadeten, dessen Biographie sich konsequent auf die Stationen Hero und Zero beschränkt. Erstaunlich subtil belebt von Künstlern, die weit mehr können als beeindruckend singen, amtlich mit den Fingern zu schnippen, das Chicken-Shake-Egg einigermaßen rhythmisch zu bewegen oder schick zu lächeln. „Sing meinen Song – Das Tauschkonzert“ lebt von all diesen Elementen. Auch von der wirklich charmant inszenierten, sehr menschlichen Nichtperfektion. Insbesondere aber von einem Umstand, der in der Öffentlichkeit allenfalls überaus indirekt, etwa im Rahmen von Tonträgerverkaufsstatistiken, konstatiert wird: Höchstem musikalischen Niveau. Offensichtlich verantwortlich für das künstlerische Handwerk sind besagte Protagonisten in und um den moderierenden Mannheimer Sohn. Tatsächliche Wegbereiter der bärenstarken Darbietungen aber sind andere. Mathias Grosch besetzt eine solche Schlüsselposition im Team von „Sing meinen Song – Das Tauschkonzert“. Der Bandkeyboarder und musikalische Direktor der Show arrangiert, komponiert, interpretiert, delegiert, veredelt, vollendet. Seine Arbeitszeiten sprengen die Sendezeit des Erfolgsformats um ein Vielfaches. Was der Zuschauer als Drei-bis-Fünf-Minuten-Song auf die Ohren bekommt, wurde viele Wochen vor den ersten Aufzeichnungen hart erarbeitet. Erstaunliche Erkenntnisse aus der Werkstatt eines Superkreativen, eines Tüftlers, eines leidenschaftlichen Musikers und Produzenten gab es im Gespräch mit Mathias Grosch, mit dem wir seine Arbeit, spannende neue Projekte und die technische Seite der Musik diskutieren durften. Guter Typ, in jeder Beziehung.


Mathias, Du bist Echogewinner, musikalischer Direktor beim Erfolgscoup von VOX „Sing meinen Song – Das Tauschkonzert“, erreichst dort ein Millionenpublikum. Du produzierst mit und für die Platzhirsche der Branche, bist Teil von Produktionen, die mit Gold und Platin dekoriert wurden. Kurz gesagt: Du bist ziemlich erfolgreich, mit dem was Du tust. Fühlt sich Erfolg so an, wie Du es Dir vorgestellt hast?

Erfolg lässt sich natürlich nicht nur in Zahlen messen oder in Auszeichnungen. Auch wenn es für Außenstehende vielleicht etwas abgedroschen und nach Plattitüde klingen mag: Was wirklich bleibt in oder auch von diesen Momenten ist die Musik, die Begegnungen und die Freundschaften, die entstehen. Beispielhaft könnte ich die tiefe Beziehung zur „Sing meinen Song“-Band nennen oder auch zur gesamten Crew dieses besonderen Projektes. Nicht zu vergessen, die wertvolle Zeit mit den vielen Künstlern, die mir während meiner Arbeit begegnen, auch außerhalb dieses Formats. Alle diese Dinge sind mir persönlich sehr wichtig - und wertvoller, als die offensichtlichen Begleiterscheinungen des Erfolgs.

Bringt dieser Erfolg eher kreative Schübe oder dann doch Lethargie?

Das sind tatsächlich zwei realistische Konsequenzen des Erfolgsfalles. Ich ziehe immens viel Energie aus dem Umstand, dass meine Handschrift in der Musik eben nicht einfach nur von vielen Menschen gehört, sondern auch gefühlt wird, ihnen Freude, gute Momente bringt, sie lachen, tanzen, glücklich sein lässt. Das lässt sich aus den Rückmeldungen sehr deutlich herauslesen und motiviert mich ungemein. Und sollten sich lethargische Momente einschleichen, bin ich umgeben von tollen Kollegen, die es schaffen dass ich diese Lethargie als kreativen Anschub nutze. Am Ende des Prozesses stehen dann möglicherweise neue Ideen und viele gute, brauchbare Schritte nach vorne.
Sing meinen Song - das Tauschkonzert
Wie muss man sich einen Tag in der Produktionsphase von „Sing meinen Song – Das Tauschkonzert“ vorstellen? Wird geübt? Gibt es freies Songwriting? Gruppenaction? Wildes Jamming? Oder doch der pure Rock’n Roll auf allen Ebenen?

Sehr, sehr geordnet. Wahrscheinlich viel geordneter und strukturierter, als Außenstehende das bei Kreativen oder auch Künstlern für möglich halten und erwarten würden. In erster Linie aber haben wir immer eine Menge Spaß an der Arbeit. Eine der wichtigsten Voraussetzungen für erfolgreiches Gelingen überhaupt. Wir starten vor den Aufzeichnungen in Südafrika mit Proben im Studiopark von Naidoo-Herberger hier in Mannheim. Die Masse an Songs, die wir beherrschen müssen, verlangt etwa vier Wochen intensive Studioarbeit, ein wirklich hohes Pensum haben wir also bereits ohne die Kameras zu absolvieren. Und bevor es im Studio losgeht, mache ich mir viele Gedanken zu den Stücken, bastele und arrangiere. Spanne den Bogen der einzelnen Abende, damit es zum Schluss musikalisch abwechslungsreich und stimmig ist. Dank meines Notisten Konrad Hinsken, der noch dazu ein begnadeter Pianist ist, kommen die Ideen, die Soundgewänder, dann zu Papier. Wir gehen dementsprechend nicht mit Null in die Proben, dennoch liegt der Feinschliff immer in den Händen der gesamten Band, auch im kreativen Bereich. Manchmal nimmt ein Stück während der Probephase eine ganz andere Wendung, als es vorher angedacht war.

Wir machen Musik, und das empfinde ich als ein großes Glück, wie in den goldenen Zeiten der Popularmusik. Alle Musiker einer Band sitzen in einem Raum, die Songs werden gemeinsam im Wortsinne „erspielt“. Die unerschöpfliche Kreativität der Einzelnen wird auf diese Weise sehr effizient genutzt, um die emotionale Wirkung des Songs zum Vorschein zu bringen und später dann den Zuschauern zu präsentieren. Und, um auf die Ausgangsfrage zurückzukommen: Diese Produktionsphase besteht aus extrem viel Kreativität, natürlich aus Jamming, aus viel Songwriting, aber auch ganz hartem Ablesen vom Blatt. Rock’n Roll außerhalb der Musik geht da eher unter.

Grosch's Eleven - Die Sing meinen Song - Band

Grosch's Eleven - Die Sing meinen Song - Band
Was unterscheidet die Arbeit im Studio, etwa in Deinen Räumlichkeiten im eben angesprochenen legendären Naidoo-Herberger- Studiopark, von einem Job wie „Sing meinen Song – Das  Tauschkonzert“ oder auch einer Liveperformance? Ist die hohe Studioqualität überhaupt auf Bühnen zu transportieren?

Zunächst einmal würde ich sagen, dass überhaupt kein Unterschied besteht. Es geht immer um Musik. Wenn wir die Soundqualität thematisieren und „Sing meinen Song“ als Beispiel hernehmen: Vor dem Start der Show habe ich sehr intensiv über die Besetzung nachgedacht und auch über die zu erreichende Qualität. Die Besetzung garantiert im Grunde automatisch bereits die beste Qualität hinsichtlich des Sounds der Instrumente. Es ist allgemein bekannt, dass dieser gute Sound zum großen Teil durch die Arbeit an den Mischpulten erreicht wird. Mit Benedikt Maile und Winnie Leyh, den verantwortlichen Toningenieuren, habe ich schließlich ein Konzept entwickeln können, das es uns ermöglicht, bereits während der Proben den Sound eines Songs festzulegen. Um unsere Soundvorstellungen schließlich auch technisch optimal umsetzen zu können, haben wir den größten Teil unseres Equipments nach Südafrika, den Drehort von „Sing meinen Song – Das Tauschkonzert“ exportiert: das komplette Aufnahmesystem, die vorher sorgfältig ausgesuchte Mikrofonie, der Gitarrenpark und für mich mein 73er KRONOS, der zusätzlich mit KA Pro Libraries von Kurt Ader aufgerüstet wurde.
Handwerkszeug, das perfekte Tasteninstrument, die technische Seite der Musik
Die Frage an den Keyboarder, der gleichzeitig auch Arrangeur, Produzent und Komponist ist: Wie wichtig ist die technische Seite der Musik?

Ich kannte bisher nur Livegigs und muss sagen, dass man bei einer Fernsehshow mit gleichzeitiger Plattenproduktion schon etwas mehr tüfteln muss. Konkret bedeutet das: Eine derart große Band mit ihrem berechtigten hohen Ansprüchen in allen Bereichen verlangt nach einem immensen Technikaufwand. Alleine die Kopfhörermixe sind eine gewaltige Herausforderung.

Insbesondere Keyboarder gelten als Technikfreaks und Klangfetischisten; wie viel Tüftler steckt in Dir?

Haha, ja, da bekenne ich mich schuldig im Sinne der Anklage. Alleine einen möglichst spannenden Sound für eine Band zu entwickeln und dann auch technisch umzusetzen, hat sehr lange gedauert. Ich habe übrigens eine große Schwäche für Retroinstrumente, entsprechend gespannt bin ich auf den ARP Odyssey.

Dein musikalisches Schaffen hat, wie jetzt bereits mehrfach angesprochen, sehr viele Facetten und Du erreichst immer höchstes Niveau. Gibt es für Dich so eine Art Lieblingsbeschäftigung im Musikbiz? Bist Du lieber Musiker oder Produzent?

Meine Antwort ist ganz diplomatisch, weil es tatsächlich so ist. Ich bin beides gerne, Musiker und Produzent. Bin beides mit Leidenschaft, und eigentlich ist es ein Glücksfall, dass ich beide Jobs machen kann; das verhindert mögliche Spartenblindheit.

Dein KORG-Equipment mit demnächst zwei KRONOS, KAPRO Libraries ist sehr edel; was macht Dein tägliches Handwerkszeug aus?

Im Studio, beim Entwicklungsprozess, dem Schreiben und Produzieren, verlasse ich mich auf die Originale. Hier stehen bei mir eine B3, ein Wurlitzer, ein Rhodes, ein Flügel, ein Upright, im Grunde alles bis zum Minimoog. Auf der Bühne geht es um ganz andere Aspekte und da bin ich sehr glücklich, dass ich mich mit dem KRONOS auf Anhieb ohne große Bedienungsanleitungsstrecken sehr gut verstehe. Ich komme immer schnell an mein erdachtes Ziel, kann intuitiv agieren, was am Ende des Tages auch die Kreativität beflügelt.

Im Grunde wäre es zu einfach, das perfekte Tasteninstrument spielen zu wollen. Und dass es dieses perfekte Instrument nicht gibt, macht es ja auch so spannend. Der KRONOS ist sicher extrem nahe dran, wenn man auch seine Bühnentauglichkeit zugrunde legt, und ich finde es beeindruckend, wie KORG weiterdenkt und sich mit dem KINGKORG spezialisiert hat. Ein Keyboard wie das KINGKORG schien noch vor fünf Jahren ein nicht zu realisierendes Projekt. Jetzt ist er da und repräsentiert eine geniale Bühnenlösung. Nicht zuletzt, weil ich den Sound der Originalinstrumente kenne, liebe und im Studio nutze, freue ich mich riesig, wenn es ein Hersteller, in diesem Fall KORG schafft, ein intuitives Instrument zu entwickeln, das die Originale klanglich erreicht.
Und demnächst?
Du hast viel bisher erreicht in Deiner bisherigen Karriere. Was sind Deine aktuellen Projekte, Deine mittelfristigen Ziele?

Ich freue mich auf die dritte Runde von „Sing meinen Song – Das Tauschkonzert“ und noch mehr darauf, dass es vor dieser dritten Runde noch ein Weihnachtsspecial geben wird. Das ist wieder eine Herausforderung für sich.

Richtig spannend wird eine Firmengründung, die ich gerade mit Xavier Naidoos Produzent Jules Kalmbacher und dem bereits angesprochenen Toningenieur Benedikt Maile umsetze. Wir haben auch ohne offiziellen Status bereits einiges im Bereich Filmmusik zusammen entwickelt und werden uns diesem Engagement in Zukunft noch intensiver widmen.

Letzte Frage mit der Option, den vielen Talenten unter unseren Lesern ein bisschen Hoffnung zu machen: Übst Du eigentlich überhaupt noch? Täglich vielleicht sogar?

(lacht) Mein Professor an der Mannheimer Hochschule, Jörg Reiter, pflegte immer zu sagen, dass zwei Stunden Musik hören vergleichbar sind mit zwei Stunden Übungszeit. Was das musikalische Spektrum betrifft, das man sich dabei „erhören“ kann, kommt Üben schon recht nahe…

Vielen Dank für Deine Zeit Mathias und viele spannende Einblicke. Wir wünschen Dir alles Gute und viel Glück für die nahe und ferne Zukunft.

Mathias Grosch